Schonmal gehört und deshalb wahr? – Wie eine kognitive Illusion Fakten schafft

von Larissa Rathgeb und Meike Zyschka

Wissen ist Macht – dieser auf den Baron Francis Bacon (1561-1626) zurückgehende Aphorismus ist im Deutschen ein geflügeltes Wort (Krohn, 2006). Wer Wissen besitzt und Tatsachen belegen kann, ist demnach mächtig. In der öffentlichen Kommunikation zeigen sich derzeit allerdings andere Tendenzen. Ereignisse, wie die sogenannte Flüchtlingswelle oder die Bundestagswahl 2017 haben die öffentliche Meinung in Deutschland – die Präsidentschaftswahl in den USA sogar die der ganzen Welt – polarisiert. Es tobt eine regelrechte „Propagandaschlacht“ und „Falschnachrichten“, sogenannte „Fake News“, lauern hinter jeder Ecke (www.spiegel.de). Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Bezeichnung „alternative Fakten“ zum Unwort des Jahres 2017 gekürt wurde. Der Begriff steht für „die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen, die dann mit einer Bezeichnung wie „alternative Fakten“ als legitim gekennzeichnet werden“ (www.unwortdesjahres.net). Macht hat also nicht mehr, wer über überprüfbares Wissen verfügt, sondern, wer durch Gerüchte die größtmögliche Masse erreicht.

 

Unbewusste Denkfehler

Der Web-Publizist Sascha Lobo hat einen Dokumentarfilm über den Einfluss sozialer Medien gedreht und ist überzeugt, dass wir Nutzer im Netz ständig kleinen Beeinflussungen ausgesetzt sind, die zusammengenommen die öffentliche Meinung verändern können (meedia.de). Doch wie lässt sich erklären, dass Menschen den Behauptungen in sozialen Netzwerken Glauben schenken und diese gar weiterverbreiten? Ein Grund dafür sind kognitive Illusionen, also Wahrnehmungen und Urteile, die systematisch von der Realität abweichen und nahezu unmöglich zu vermeiden sind. Dabei handelt es sich nicht um alltägliches Missverstehen oder Vergessen – solche „Denkfehler“ basieren viel mehr auf Prozessen, denen wir uns meist gar nicht bewusst sind. Ein Beispiel dafür ist der Wahrheitseffekt. Er bezeichnet die Tatsache, dass der wiederholte Kontakt mit einer Aussage dazu führt, dass man sie als wahrer bewertet (Pohl, 2017). Dies gilt auch für „Fake News“ und Aussagen, die zu Beginn als eher falsch eingeschätzt werden. Auch sie werden im Verlauf einer wiederholten Darbietung als zunehmend wahrer wahrgenommen (Pennycook, Cannon, & Rand, im Druck; Pohl, 2017).

 

Die Entdeckung des Wahrheitseffekts

Die erste wissenschaftliche Untersuchung zum Wahrheitseffekt stammt aus dem Jahr 1977. Die Teilnehmer des Experiments von Hasher und Kollegen mussten in einer ersten Sitzung Tatsachenaussagen bezüglich ihres Wahrheitsgehalts auf einer Skala bewerten. Diese reichte von 1 (definitiv falsch) bis 7 (definitiv richtig). Die Aussagen waren faktisch wahr oder falsch, hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts jedoch uneindeutig, also nicht klar als richtig oder falsch erkennbar (z.B. „Grönland hat ca. 50.000 Einwohner“). Zwei Wochen später bekamen die Teilnehmer dieselbe Aufgabe erneut gestellt. Diesmal wurde ihnen eine Mischung von Aussagen vorgelegt, die zum Teil neu, zum Teil aber schon aus der ersten Sitzung bekannt waren (Abb. 1). Es zeigte sich, dass diejenigen Aussagen, die die Teilnehmer schon einmal gelesen hatten, von diesen als wahrer bewertet wurden. Dies geschah unabhängig davon, ob sie tatsächlich wahr oder falsch waren. Die neuen Aussagen wurden im Vergleich dazu im Mittel als eher weniger wahr eingeschätzt (Hasher, Goldstein, & Toppino, 1977).

Abbildung 1: Ablauf des Experiments von Hasher, Goldstein & Toppino (1977)

 

Der Wahrheitseffekt – ein robustes Phänomen

Seit seiner Entdeckung wurde der Wahrheitseffekt in vielen weiteren Untersuchungen unter unterschiedlichen Bedingungen nachgewiesen. So tritt er nicht nur bei Tatsachenaussagen auf, sondern auch bei Meinungsaussagen. Die Sätze müssen bei der Wiederholung nicht wortwörtlich wiedergegeben werden, sondern es reicht aus, dass derselbe Inhalt wiederholt wird. Außerdem macht es für das Auftreten des Effekts keinen Unterschied, ob die Teilnehmer die Aussagen selbst lesen oder vorgelesen bekommen. Die einzige Voraussetzung ist, dass Aussagen uneindeutig sein müssen, also nicht auf Anhieb als richtig oder falsch erkannt werden (Dechêne, Stahl, Hansen, & Wänke, 2010).

 

Der Wahrheitseffekt bei Gerüchten

Doch wie sieht es aus bei Aussagen, wie etwa der, alle Flüchtlinge vergewaltigten junge Frauen oder den Klimawandel gebe es nicht? Bei solchen Gerüchten handelt es sich um unbelegte (oder wissenschaftlich widerlegte!) Behauptungen, die für den Diskutanten eine gewisse Bedeutung haben. Liegt ihnen auch der Wahrheitseffekt zugrunde? In einer Studie aus dem Jahr 2016 bekamen die Versuchsteilnehmer verschiedene Gerüchte vorgelegt, die sie auf einer Skala von 1 (gar nicht glaubhaft) bis 9 (vollkommen glaubhaft) bewerten sollten. Ein solches Gerücht war zum Beispiel: „Der Universitätsbus wird ab nächstem Jahr nicht mehr kostenlos sein, da Benzin so teuer geworden ist“. Mit jeder Konfrontation der Teilnehmer mit den Gerüchten zeigte sich ein Anstieg in der Bewertung ihrer Glaubwürdigkeit. (DiFonzo, Beckstead, Stupak, & Walders, 2016). Es gilt also auch hier: Die Anzahl der Wiederholungen lässt die Gerüchte „wahrer“ erscheinen. Wer dementsprechend immer wieder liest, den Klimawandel gebe es nicht, ist eher geneigt, diese Meldung zu glauben, auch wenn sie gar nicht der Wahrheit entspricht.

 

Wie entsteht der Wahrheitseffekt?

Um die Mechanismen, die hinter dieser Illusion stecken, zu verstehen, betrachten wir zwei Gedächtnisprozesse: Das Gedächtnis für die Quelle und das Gedächtnis für die Aussage. Im Englischen spricht man auch von source memory und item memory. Sie bestimmen für wie valide, also für wie gesichert, wir eine Aussage halten. Haben wir wiederholt Kontakt mit einer Aussage, können wir uns häufig daran erinnern, dass wir sie schon einmal gehört haben und in vielen Fällen sogar von wem. Beides erhöht die wahrgenommene Validität dieser Aussage und es erscheint uns somit wahrscheinlicher, dass sie tatsächlich wahr ist. Dieser Effekt ist besonders stark, wenn wir glauben dieselbe Aussage von verschiedenen Quellen gehört zu haben. Doch auch dann, wenn wir die Quelle nicht mehr erinnern, oder sie für unglaubwürdig halten, reicht allein die Erinnerung an die Aussage für das Auftreten des Wahrheitseffekts aus (Dechêne et al., 2010).

 

Implizite Prozesse im Wahrheitseffekt

Unter Berücksichtigung der Informationsflut, der wir im digitalen Zeitalter ausgesetzt sind, kann es allerdings auch vorkommen, dass wir uns weder an die Aussage selbst noch an deren Quelle erinnern. Dennoch kann auch hier der Wahrheitseffekt beobachtet werden. Woran liegt das? Hier kommen unbewusste, sogenannte implizite Gedächtnisprozesse ins Spiel. Wir nutzen heuristische Hinweisreize, um Eigenschaften einer Aussage, wie beispielsweise ihren Wahrheitsgehalt zu bestimmen. Ein solcher Hinweisreiz ist die Verarbeitungsflüssigkeit. Man kann sie definieren als die „subjektive Erfahrung von Leichtigkeit oder Schwierigkeit bei der Verarbeitung von Information“ (Oppenheimer, 2008, S. 237, zitiert nach DiFonzo et al., 2016). Liegt ein gemischtes Set neuer und wiederholter Aussagen vor, können wir anhand der Verarbeitungsflüssigkeit einer Aussage bestimmen, wie vertraut sie uns scheint. Dabei vergleichen wir die Verarbeitungsflüssigkeit einer Aussage mit der durchschnittlichen Verarbeitungsflüssigkeit aller Aussagen dieses Sets. Aussagen, mit denen wir zum wiederholten Male in Kontakt kommen, können leichter verarbeitet werden als neue Aussagen, die wir noch nie zuvor gehört haben. Sie werden daher als vertrauter eingestuft. Aus dieser Vertrautheit schlussfolgern wir, dass wir die Aussage bereits einmal gehört haben müssen. Dies erhöht die Validität der Aussage und sie wird als mit größerer Wahrscheinlichkeit wahr eingestuft (Dechêne et al., 2010; DiFonzo et al., 2016). Übrigens: Bereits eine einzige Wiederholung reicht aus, um den Wahrheitseffekt zu produzieren. Mit jeder weiteren Wiederholung steigt der wahrgenommene Wahrheitsgehalt zwar weiterhin an, der Zugewinn wird allerdings mit jedem Mal kleiner (DiFonzo et al., 2016).

 

Kann man den Wahrheitseffekt vermeiden?

Wie soll man nun im Dschungel aus verschiedenen Fakten, Meinungen oder „alternativen Fakten“ den Überblick behalten? Den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu erkennen, Denkfehler zu vermeiden – das ist ein Bestreben, dem viele folgen, die als gebildete Menschen vernünftig zu handeln versuchen. Leider liegt es in der Natur kognitiver Illusionen, dass sie nahezu unvermeidlich sind. So haben Pennycook und Kollegen (im Druck) gezeigt, dass beispielsweise die Kennzeichnung von „Fake News“ durch Warnhinweise von unabhängigen Dritten keine Wirkung zeigt. Es gibt jedoch einige Faktoren, die den Wahrheitseffekt abschwächen können: Bei Tatsachenaussagen, die unplausibel und somit sofort als wahr oder falsch erkennbar sind, tritt kein Wahrheitseffekt auf (Pennycook et al, im Druck; Pohl, 2017). Wer sich also informiert und bereits mit einem breiten Allgemeinwissen aufwarten kann, sollte eher in der Lage sein, Falschaussagen als solche zu enttarnen, sodass der Wahrheitseffekt auch bei wiederholtem Kontakt keine Wirkung zeigt. Auch die Tiefe, mit der eine Aussage beim ersten Kontakt verarbeitet wird, hat einen Einfluss. In vielen Untersuchungen zum Wahrheitseffekt mussten Teilnehmer in zwei Sitzungen Aussagen hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts bewerten. Bemerkenswert ist, dass der Effekt deutlich stärker ist, wenn Sätze in der ersten Sitzung nur gelesen oder in Kategorien eingeordnet werden müssen (Dechêne et al., 2010). Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass das Gehirn beim Lesen von Aussagen weniger stark involviert ist, als wenn es diese auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen muss. Entsprechend ist bei einer späteren Wiederholung der Aussagen weniger explizite Erinnerung vorhanden und es wird vermehrt auf die Heuristik der Verarbeitungsflüssigkeit zurückgegriffen. Eine niedrige Verarbeitungsstufe bei der ersten Konfrontation mit einer Aussage und eine komplexe Verarbeitung bei der Wiederholung sorgen also für einen verstärkten Wahrheitseffekt. Wer sich umgekehrt intensiv mit Aussagen auseinandersetzt, kann gleich von Beginn an eine tiefere Verarbeitung erreichen. Auch eine gesunde Portion Skepsis gegenüber Gerüchten kann den Wahrheitseffekt abschwächen. In einem weiteren Experiment verglichen DiFonzo und Kollegen (2016) den Grad der Skepsis von Versuchsteilnehmern mit ihrer Einschätzung des Wahrheitsgehalts von Aussagen. Tatsächlich zeigte sich ein leicht negativer Zusammenhang: höhere Skepsis scheint also mit einem schwächeren Wahrheitseffekt zusammenzuhängen. Wer also Informationen mit Sorgfalt aufnimmt und nicht sofort alles glaubt, was er hört und liest, ist gut beraten. Denn Wissen ist Macht.

 

Internetquellen

http://www.unwortdesjahres.net/index.php?id=51 (Letzter Zugriff: 30.05.2018)

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/fluechtlinge-geruechte-desinformation-und-propaganda-a-1062045.html (Letzter Zugriff: 30.05.2018)

https://meedia.de/2017/05/18/sascha-lobos-tv-doku-ueber-die-manipulationsmaschine-facebook-wenn-die-zahl-der-likes-entscheidet-was-wahr-ist-und-was-nicht/ (Letzter Zugriff: 30.05.2018)

 

Weiterführende Literatur

Dechêne, A., Stahl, C., Hansen, J., & Wänke, M. (2010). The truth about the truth: A meta-analytic review of the truth effect. Personality and Social Psychology Review, 14(2), 238-257.

DiFonzo, N., Beckstead, J. W., Stupak, N., & Walders, K. (2016). Validity judgments of rumors heard multiple times: the shape of the truth effect. Social Influence, 11(1), 22-39.

Hasher, L., Goldstein, D., & Toppino, T. (1977). Frequency and the conference of referential validity. Journal of verbal learning and verbal behavior, 16(1), 107-112.

Krohn, W. (2006). Wissen ist Macht. Francis Bacon, Baron von Verulam. der blaue reiter. Journal für Philosophie (21): 98-103.

Pennycook, G., Cannon, T. D., & Rand, D. G. (in press). Prior exposure increases perceived accuracy of fake news. Journal of Experimental Psychology: General.

Pohl, R. F. (2017). Cognitive Illusions: Intriguing Phenomena in Judgement, Thinking and Memory (2. ed.). London & New York: Routledge.

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