Machst auch Du immer mehr als alle anderen? – Warum jeder von uns weniger tut als unsere Erinnerung es uns weiß machen will

von Vanessa Rathke, Nina Summ und Pia Weißer

„Schon wieder haben sie die ganze Arbeit auf mich abgeladen. Das kann doch nicht wahr sein! Das nenn ich mal Arbeiten im Team. “ Kommt dir das bekannt vor? Teamarbeit zieht sich durchs ganze Leben. Von der Schule über das Studium bis in den Berufsalltag. Selbst im Privatleben wird häufig darüber diskutiert, wer den Müll rausbringt oder die letzten Überbleibsel der vorherigen Partynacht wegräumt. Oft bekommt man das Gefühl einen Großteil der Arbeit ganz allein erledigen zu müssen.

Aber ist das wirklich so? Und wenn nicht, woher kommt das Gefühl, dass immer wir den Großteil der Arbeit erledigen?

Um diese Frage zu beantworten muss man sich zunächst einmal die Frage stellen, woran man genau denkt, um eine Häufigkeitsschätzung der eigenen Arbeitsleistung abgeben zu können. Klar denkt man zuerst an die Teamarbeit zurück, bei der man selbst derjenige war, der eine Gruppendiskussion angeleitet oder eine Power Point Präsentation erstellt hat. Doch fällt dir was auf? Genau – wir erinnern uns vor allem an die Aufgaben, die wir selbst erledigt haben und deshalb lebhaft erinnert können und vernachlässigen dabei die Arbeit der anderen Teammitglieder. Auf dieser Art entsteht auch häufig Streit zwischen Ehepartnern. Man denkt nur daran, dass man selbst wieder einmal das Bad geputzt hat und vergisst dabei leicht, dass der Partner in der Zwischenzeit das Abendessen vorbereitet hat. Aber wie kommt es dazu? Kahnemann und Tversky (1973) gehen davon aus, dass Häufigkeiten anhand der Leichtigkeit des Abrufs aus dem Gedächtnis bzw. anhand der Anzahl der abgerufenen Gedächtnisinhalte geschätzt werden. Das macht auch Sinn, denn es fällt uns leichter uns an eigene Tätigkeiten zu erinnern als an Tätigkeiten anderer. Dieses Phänomen nennen sie „Verfügbarkeit“. Verfügbarkeit sei demnach die Leichtigkeit mit der uns Konzepte einer Klasse ins Gedächtnis kommen. Diese Daumenregel kann manchmal nützlich sein, denn häufig können im Alltag keine Häufigkeiten berechnet werden, sodass wir auf eine Schätzung angewiesen sind.

Verfügbarkeit ist die Einfachheit mit der wir relevante Gedächtnisinhalte abrufen können

Doch wie du vielleicht schon erahnen kannst, kann diese Daumenregel auch zu Fehlern führen. So wurden beispielweise in einer Studie Menschen darum gebeten, die Wahrscheinlichkeiten des Auftretens von 41 Todesursachen zu schätzen. Das Ergebnis war eindeutig. Sie überschätzten die Wahrscheinlichkeit für unnatürliche Todesursachen, wie zum Beispiel Selbstmord und unterschätzten natürliche Todesursachen, wie Magenkrebs. Und das obwohl Magenkrebs ca. 1.6-mal häufiger auftritt.
Rufen wir uns nochmal den Erklärungsansatz von Kahnemann und Tversky (1973) ins Gedächtnis, so könnte die Erklärung  für diese fehlerhafte Einschätzung sein, dass unnatürliche Todesursachen in den Medien viel präsenter sind als natürliche. Somit kommen sie uns, ähnlich wie die Dinge, die wir selbst erledigt haben,  leichter in den Sinn und werden infolgedessen überschätzt.

Aufgrund der Verfügbarkeit überschätzen wir die Wahrscheinlichkeit unnatürlicher Todesursachen

Wie einfach wir uns an Dinge erinnern können, also wie verfügbar sie für uns sind, hängt jedoch nicht allein davon ab, ob wir etwas selbst erlebt oder oft davon gehört haben. Vielmehr konnten viele weitere Einflussfaktoren auf die Verfügbarkeit gefunden werden.

So konnten Schwarz und Kollegen (1991) zeigen, dass die Verfügbarkeit eher dann als Schätzungsgrundlage genutzt wird, wenn diese als diagnostisch beurteilt wird. Dies konnten sie durch den Vergleich der Outcomes zweier Experimente feststellen. In einem Experiment der Forscher sollten Personen eine Einschätzung ihrer Durchsetzungsfähigkeit abgeben.

Dazu wurden die Teilnehmer in zwei verschiedene Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe sollte sich an 6 Situationen erinnern, in denen sie Durchsetzungsfähigkeit gezeigt haben, die andere Gruppe an 12 Situationen. Intuitiv könnte man vermuten, dass die Menschen, die mehr Gründe für ihr Verhalten finden, auch eine höhere Einschätzung ihrer Durchsetzungsfähigkeit liefern – schließlich haben sie ja viel mehr Situationen im Kopf – tatsächlich zeigt sich aber ein umgekehrtes Bild: Die Einfachheit der Erinnerung führt dazu, dass Personen sich in der Kondition mit 6 Situationen als durchsetzungsfähiger einschätzen, indem sie beispielsweise denken „Oh diese 6 Situationen sind mir so schnell eingefallen, ich muss also sehr durchsetzungsfähig sein!“. Sich an 6 Situationen zu erinnern fällt einem noch relativ leicht, an 12 jedoch schon deutlich schwerer, sodass man dann vermutet, man kann gar nicht so durchsetzungsfähig sein, wenn man solche Schwierigkeiten hat, sich an eben solche Situationen zu erinnern. Dieses Experiment zeigt, dass die Verfügbarkeit als Einfachheit der Erinnerung, die Grundlage für die Einschätzung bildet.

Sollen wir uns wenige Ereignisse erinnern, in denen wir Durchsetzungsfähigkeit bewiesen haben, halten wir uns für durchsetzungsfähiger als wenn wir uns an viele Ereignisse erinnern sollen

Um mehr über die zugrunde liegenden Effekte zu erfahren, wurde das Experiment um eine zusätzliche Kondition erweitert: Die Forscher spielten klassische Musik ein und beschrieben diese bei einigen Versuchspersonen  als erinnerungsfördernd und bei anderen Personen als erinnerungshemmend. Menschen, die an eine unterstützende Wirkung der Musik glaubten, nutzten nun die Einfachheit der Erinnerung nicht länger als Maßstab. Der Effekt verschwandt, da die hohe Verfügbarkeit nicht mehr länger als diagnostisch eingeschätzt wurde. So konnten die Personen möglicherweise bei der Einschätzung gedacht haben: „Oh ich kann mich super einfach erinnern… naja, aber dafür ist ja nur die Musik verantwortlich“. Menschen, die sich an 6 Momente erinnern sollten und an eine erinnerungshemmende Wirkung der Musik glaubten, erinnerten sich natürlich weiterhin einfach, und schätzen ihre Durchsetzungsfähigkeit folglich hoch ein. Wenn man sich trotz der hinderlichen Wirkung der Musik leicht an Vieles erinnert, vermutet man, das sei ein gutes Zeichen für die Durchsetzungsfähigkeit. In diesem zweiten Szenario wird die Einfachheit der Erinnerung weiterhin als diagnostisch gesehen, sodass der Effekt der Verfügbarkeit auftritt.

Vermuten wir einen externen Grund für die Einfachheit unserer Erinnerung, verlassen wir uns nicht mehr auf die Verfügbarkeit als gute Schätzgrundlage

Weiterhin konnten Studien zeigen, dass auch eine positive Stimmung (Ruder & Bless, 2003) oder ein zu starker Glaube an die Leistung der Intuition (Keller & Bless, 2008) die Nutzung der Leichtigkeit der Erinnerung beeinflussen kann. Wer kennt es nicht? In positiver Stimmung scheint man gewillter schnelle Entscheidungen zu treffen oder sich auch mal auf sein ‚Bauchgefühl‘ zu verlassen. Ebenfalls scheinen Menschen in Machtpositionen die Einfachheit der Erinnerung als Marker zu nutzen – vermutlich da sie sich aufgrund ihrer Position eher in der Lage dazu fühlen, Entscheidungen aufgrund ihrer Gefühle treffen zu können, während Menschen in niedrigeren Positionen viele verschiedene soziale Hinweise miteinbeziehen müssen, um mit den Mächtigen zurecht zu kommen (Weick & Guinote, 2008).

Eine positive Stimmung oder ein starker Glaube an die Leistung unserer Intuition können die Nutzung der Verfügbarkeit erhöhen

Sind wenig kognitive Kapazitäten vorhanden, begnügt man sich tendenziell ebenfalls häufiger damit, sich mit der Leichtigkeit der Erinnerung zufrieden zu geben (Greifender & Bless, 2007). Wer hat beispielsweise neben komplizierten Rechenaufgaben oder dem mentalen Durchlauf eines Referates schließlich noch die Kapazität gleichzeitig über alle Risikoverhaltensweisen nachzudenken, die unser Krankheitsrisiko erhöhen könnten?

Auch Gefühle können unsere Einschätzungen beeinflussen. Eine Tatsache, die für viele intuitiv klar sein mag. Sind uns die Gefühle allerdings nicht stark bewusst, zum Beispiel, wenn wir wie oben beschrieben durch Mathematikaufgaben abgelenkt werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns bei unserer Einschätzung beeinflussen (Kühnen, 2010).

Auch Ablenkung und Gefühle können die Nutzung der Verfügbarkeit beeinflussen

Als letztes spielen auch subjektive Theorien eine Rolle. Überzeugungen, die an uns herangetragen werden oder welche wir selbstständig ausbilden, können unsere Entscheidungen und Einschätzungen deutlich beeinflussen. Erneute Studien von Winkielman und Schwarz (2001) zeigten etwa, dass die gleichen Erfahrungen in der Leichtigkeit oder Schwere sich an Kindheitserlebnisse zu erinnern zu gegensätzlichen Einschätzungen führen kann, je nachdem, welche Theorie die Personen über deren subjektive Bedeutung hatten. Gingen Versuchsteilnehmer, die sich leicht an Kindheitserlebnisse erinnern konnten davon aus, dass Erinnerungsschwierigkeiten an Kindheitserlebnisse eine unglückliche Kindheit bedeuten, schätzten sie ihre Kindheit als glücklicher ein als diejenigen, die glaubten Erinnerungsschwierigkeiten würden eine glückliche Kindheit bedeuten: „Ich kann mich einfach erinnern. Erinnerungsschwierigkeiten sollen eine unglückliche Kindheit bedeuten, ich muss also eine glückliche Kindheit gehabt haben.“ und „Ich kann mich gut erinnern, aber eigentlich hatten nur die Leute, die sich schlecht erinnern eine glückliche Kindheit. Meine Kindheit muss also unglücklich gewesen sein“. Diese Effekte zeigten für eine Erinnerungsschwierigkeiten genau umkehrt, was dafür spricht, dass Menschen ihre „naiven Theorien“ nutzen, um die Einfachheit ihrer Erinnerung zu interpretieren.

Auch unsere „naiven Theorien“ beeinflussen inwiefern wir die Einfachheit der Erinnerung als Schätzungshinweis nutzen

Nachdem wir nun so viele Möglichkeiten gehört haben wie die Bewertung unserer Erinnerungen beeinflusst werden kann, stellt sich natürlich die Frage inwiefern uns das tatsächlich in unserem Alltag betrifft und beeinträchtigen kann. Relevant beeinflusst können vor allem soziale Bereiche sein, wie der Beruf oder die Beziehung. Hier kann es sinnvoll sein, noch mal genauer darüber nachzudenken, welche Arbeit die anderen leisten oder auch mal die Perspektive der anderen zu erfragen. Als weiterer relevanter Bereich kann die Risikoeinschätzung genannt werden. Haben wir schon viel von einem Risiko gehört, können wir es leichter abrufen und haben das Gefühl, es würde uns stärker betreffen. Hier könnte es auch sinnvoll sein, die tatsächliche Wahrscheinlichkeit in Erfahrung zu bringen, anstatt sich auf die Anzahl an Nennungen in den Medien und dem damit verbundenen leichteren Abruf aus unserem Gedächtnis, zu verlassen. Wichtig ist, dass man sich bezüglich subjektiver Einschätzungen nicht immer blind auf seine Intuition verlässt, sondern berücksichtigt, dass sich in unserer Bewertung unterschiedliche Fehler der Leichtigkeit des Abrufs und somit der Verfügbarkeit einschleichen können.

 

Weiterführende Literatur

Greifeneder, R., & Bless, H. (2007). Relying on accessible content versus accessibility experiences: The case of processing capacity. Social Cognition, 25, 853–881.

Haddock, G., Rothman, A. J., Reber, R., & Schwarz, N. (1999). Forming judgments of attitude certainty, intensity, and importance: The role of subjective experiences. Personality and Social Psychology Bulletin, 25, 771–782.

Keller, J., & Bless, H. (2008). Predicting future affective states: How ease-of-retrieval and faith in intuition moderate the impact of activated content. European Journal of Social Psychology, 38, 1–10.

Reber, R. (2004). Availability. In R. F. Pohl (2017) (ed.). Illusions of control. In R. F. Pohl (ed.). Cognitive illusions: Intriguing Phenomena in Judgement, Thinking and Memory (2nd ed.). (pp. 185-203). London & New York: Routledge.

Rothman, A. J., & Schwarz, N. (1998). Constructing perceptions of vulnerability: Personal relevance and the use of experiential information in health judgments. Personality and Social Psychology Bulletin, 24, 1053–1064.

Ruder, M., & Bless, H. (2003). Mood and the reliance on the ease-of-retrieval heuristic. Journal of Personality and Social Psychology, 85, 20–32.

Schwarz, N., Bless, H., Strack, F., Klumpp, G., Rittenauer-Schatka, H., & Simons, A. (1991). Ease of retrieval as information: Another look at the availability heuristic. Journal of Personality and Social Psychology, 61, 195–202.

Tversky, A. & Kahneman, D. (1973). Availability: A heuristic for judging frequency and probability. Cognitive Psychology, 5, 207-232.

Weick, M., & Guinote, A. (2008). Power increases reliance on experiential knowledge: Evidence from ease-of-retrieval. Journal of Personality and Social Psychology, 94, 956–970.

Winkielman, P., & Schwarz, N. (2001). How pleasant was your childhood? Beliefs about memory shape inferences from experienced difficulty of recall. Psychological Science, 12, 176–179.

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