Wie Beschreibungen unsere Erinnerung verzerren

von Antina Beutel, Sina Eitelbuß und Sarah Höschele

Du sitzt in einem Restaurant und bestellst ein Glas Wein. Der Ober bringt es dir und preist den „süßen Wein“ an. Hältst du es für denkbar, dass seine Worte Einfluss auf dein Geschmacksempfinden haben? Oder dass dir das neue Parfüm deiner Freundin automatisch besser gefällt, wenn sie dir vor dem Aufsprühen sagt, dass es angenehm riecht, als wenn sie sagen würde, dass es unangenehm riecht? Dass das blaugrüne T-Shirt im H&M dir automatisch blauer erscheint, wenn es von der Verkäuferin als blau vorgestellt wird und du es grünstichiger empfindest, wenn sie sagen würde, es sei grün?

Vielleicht denkst du jetzt: das kann doch gar nicht sein. Ich schmecke, was ich schmecke, ich sehe, was ich sehe und ich rieche, was ich rieche, ganz unabhängig davon, was andere Leute über einen Geschmack, Geruch oder eine Farbe sagen. Ich kann dir aber jetzt schon verraten: deine Wahrnehmung ist abhängiger von solchen scheinbar unwichtigen Kommentaren anderer, als du vielleicht denkst.

Die Wissenschaft bezeichnet die oben beschriebenen Kommentare anderer zu einem bestimmten Gegenstand als sogenannte „Labels“. Die damit einhergehende Verzerrung der Erinnerung bezeichnen wir als Labelling-Effekt: wird ein Objekt – ein sogenannter „Stimulus“ – mit einem verbalen Label etikettiert, wird das sehr wahrscheinlich einen verzerrenden Einfluss auf die Beurteilung oder das Erinnern des Stimulus ausüben. Das Label hat also einen systematisch verzerrenden Einfluss.

Veranschaulichen wir uns das Ganze mal an einem Experiment, das Leonard Carmichael, ein amerikanischer Psychologe, bereits 1932 durchgeführt hat. Er präsentierte zwei Gruppen von Personen jeweils eine Liste mit 12 Symbolen, die mit jeweils unterschiedlichen Wörtern kombiniert waren (siehe Beispiel). Er bat sie, sich die Symbole zu merken.

Eine Woche später wurden die Personen aufgefordert, die erinnerten Symbole zeichnerisch so genau wie möglich wiederzugeben. Dabei zeigte sich, dass diese gezeichneten Symbole stark vom jeweils kombinierten Label beeinflusst waren, und demnach eher so aussahen wie die Labels als wie die originalen Symbole.

Warum ist das so? Sollten Labels nicht als verbale Hilfestellungen fungieren, die die Erinnerung verbessern, weil man damit eine zusätzliche Erinnerungsstütze schafft?

Tatsächlich helfen Labels dabei, uns besser merken zu können, was wir sehen, hören, riechen. Allan Paivio stellte 1969 dazu seine Dual Code Theorie auf: Wird ein Stimulus, ob nun als Bild, Geschmack oder Geruch, mit einer verbalen Beschreibung versehen, nimmt die Erinnerungsleistung (d.h. der Anteil, an den man sich erinnern kann) zu. So weit, so gut.

Erst wenn das Label zu einer Verzerrung der Erinnerung führt, hat die Beschreibung negative Effekte auf die Richtigkeit unserer Erinnerung. Doch wie genau funktioniert dieser negative, verzerrende Einfluss des Labels? In allen Experimenten zu diesem Thema variierten die Forscher immer das, was der Proband wahrnehmen soll und maßen dann das, an was sich der Proband später erinnert. Was aber zwischen diesen beiden Zeitpunkten, also zwischen Wahrnehmung und Erinnerung, in unserem Gehirn passiert, ist noch immer nicht eindeutig geklärt und macht einen großen Teil psychologischer Forschung aus. Forscher gehen davon aus, dass auf die Wahrnehmung eines Stimulus immer eine Verarbeitungs- und Abspeicherungsphase folgt, sodass im Endeffekt ein Abbild des Wahrgenommenen (eine „Repräsentation des Stimulus“) in unserem Gehirn abgespeichert ist. Das ist aber nicht wie in einem Lagerhaus, zu dem nur man selbst den Schlüssel hat. Sondern eher so, als glaube man, man habe selbst den einzigen Schlüssel, aber gleichzeitig schafft eine Schar von Kobolden es immer wieder, sich Eintritt zu verschaffen, ohne dass man wirklich merkt, dass sie die Dinge im Lagerhaus umräumen und manchmal auch hinausschmuggeln. Denn genau das passiert mit den Inhalten in unserem Gedächtnis – sie werden umstrukturiert und manchmal zugestellt, sodass wir sie nicht mehr finden. Diese Prozesse merken wir nicht – erst, wenn wir scheinbar etwas vergessen haben, oder jemand sagt „Das war doch ganz anders…“, merken wir, dass sich etwas in unserem Gehirn getan haben muss. Wenn wir uns dann an einen Stimulus erinnern sollen, rufen wir die Repräsentation des Stimulus, so wie sie gerade just zu diesem Zeitpunkt in unserem Gedächtnis vorhanden ist, ab.

Jedoch zurück zu der Frage, wie ein Label die Erinnerung verzerren kann. Die ersten Forscher, die sich dazu Gedanken gemacht haben, waren N. Hanawalt und I. Demarest (1939). Sie schlossen aus ihren Experimenten, dass ein gesetztes Label unsere Erinnerung im Prozess des Abrufens verfälscht. Da über die Zeit Details des abgespeicherten Stimulus vergessen werden, entstehen Lücken in der Repräsentation. Laut Hanawalt und Demarest füllen wir diese Lücken mit Informationen auf, die uns das Label liefert, ohne es zu merken. Und glauben dann, wir hätten den Stimulus wirklich so wahrgenommen.

Später lieferten Elizabeth Loftus und John Palmer eine zweite Erklärung für den Labelling-Effekt: Ihr Experiment zeigte, dass ein Label auch den Abspeicherungsprozess des wahrgenommenen Stimulus beeinflussen kann. Ist schon die Repräsentation des Stimulus verzerrt, dann rufen wir beim Erinnern natürlich auch nicht den originalen, sondern den verzerrten Stimulus ab. Genauer gesagt integrieren wir zwei Dinge zu einem Gesamteindruck: den wahrgenommenen Stimulus und das Label, das ihm verpasst wurde. Dieser Gesamteindruck wird abgespeichert als einheitliche Repräsentation. Was wir allerdings vergessen, ist, dass die Informationen über den Stimulus aus zwei unterschiedlichen Quellen stammen – dem tatsächlich wahrgenommenen Stimulus und dem ihm verpassten Label. Wir merken also gar nicht, dass die abgespeicherte Repräsentation eigentlich eine Fusion von Informationen aus unterschiedlichen Quellen ist. Rufen wir uns das Gesehene also wieder ins Gedächtnis, erinnern wir automatisch einen einheitlichen, aber verzerrten Stimulus.

Nun kann man sich fragen: Hat der beschriebene Effekt einen Einfluss auf unser tägliches Leben?

Auch hierzu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die verdeutlichen, wie sehr wir von verbalen Labels beeinflusst werden können. So ist bei Zeugenaussagen die Art der Fragestellung von entscheidender Bedeutung. Die Psychologen Loftus und Palmer haben im Jahr 1974 dazu folgendes Experiment durchgeführt: Sie zeigten zwei Gruppen von Personen einen Film, in dem zwei Autos frontal zusammenstießen. Die Personen sollten nun die Geschwindigkeit der Autos zum Unfallzeitpunkt schätzen. Die eine Gruppe wurde gefragt: „Wie schnell waren die Autos, als sie ineinander fuhren?“, der anderen Gruppe wurde die Frage gestellt: “Wie schnell waren die Autos, als sie ineinander krachten?“. Erstaunlicherweise unterschieden sich die Schätzungen deutlich voneinander: So waren die Geschwindigkeitsschätzungen der ersten Gruppe wesentlich niedriger als die der zweiten Gruppe. Allein die Veränderung eines einzigen Wortes kann also unsere Erinnerung stark beeinflussen. Diese Erkenntnis hatte zur Folge, dass Personen, die Vernehmungen durchführen oder Zeugenaussagen aufnehmen, systematisch dahingehend geschult werden, möglichst neutrale Fragen zu stellen.

Nun wird der eine oder andere denken: Na ja, Zeugenaussagen sind in meinem Alltag nicht an der Tagesordnung, was hat das mit mir zu tun? Tatsächlich gibt es weitere Beispiele, die uns unmittelbarer betreffen. Stell dir vor, du suchst einen neuen Arzt auf. Dabei hängt deine Bereitschaft, seine vorgeschlagene Behandlungsmethode zu akzeptieren, auch davon ab, wie sich dir der Arzt im Vorfeld vorgestellt hat: bist du von Naturheilverfahren überzeugt und er hat sich dir als Schulmediziner vorgestellt, wirst du – unabhängig von der vorgeschlagenen Behandlungsmethode – eher dazu neigen, diese abzulehnen.

Ein weiterer Aspekt, der uns täglich betrifft, ist die Beeinflussung durch Werbung. Auch wenn wir vielleicht von uns selbst denken, dass wir davon unbeeinflussbar sind, so hat doch das verbale Label unbewusst einen entscheidenden Einfluss auf die Produktakzeptanz und damit letztlich auf unsere Kaufentscheidungen.

Können wir diese Art von Fremdbestimmung nun umgehen? Oder sind wir ihr schlichtweg ausgeliefert? Die Wissenschaft hat dazu folgende Antwort parat: Tatsächlich kann man die Verzerrung der Erinnerung ein Stück weit reduzieren, indem man sich bewusst macht, dass es diesen Effekt gibt. Wenn man sich also immer darauf konzentriert, sich das zu merken, was man tatsächlich sieht, hat man große Chancen, ein unverzerrtes Bild zu erinnern. Jedoch Vorsicht: Nicht nur Labels, die uns unsere Umwelt gibt, beeinflussen uns, sondern auch unsere eigenen Beschreibungen, die wir von dem machen, was wir wahrnehmen. Willst du also eine Szene möglichst richtig erinnern, dann mach dir keine verbalisierten Gedanken dazu. Leider kann es dann sein, dass du dich gar nicht mehr erinnerst, weil die Repräsentation dann nicht mehr stark genug ist. Den goldenen Weg gibt es also wohl nicht. Aber das Wissen um die Gefahr der Verzerrung wird hoffentlich zukünftig zu dem ein oder anderen Aha-Effekt führen.

 

Weiterführende Literatur

Pohl, R. F. (Ed.). (2016). Cognitive Illusions: Intriguing Phenomena in Judgement, Thinking and Memory. Psychology Press.

Carmichael, L., Hogan, H. P., Walter, A. A. (1930). An Experimental study of the effect of Language on the reproduction of visually perceived form. Brown University, 73- 86.

Schooler, J. W., Engstler – Schooler, T. Y. (1990). Verbal Overshadowing of Visual Memories: Some Things Are Better Left Unsaid. Cognitive Psychology  22, 36 – 71

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