Zombie-Attacke – bist DU vorbereitet? Wie dir der Survival-Processing-Effect beim Überleben helfen kann.

von Jennifer Martens, Jael Senger und Julia Spöhr

Sie sehen blutverschmiert aus, ihre Körper weisen lebensgefährliche Verletzungen auf und geben Teile des Innenlebens preis, die für dich normalerweise verborgen blieben und trotzdem bewegen sie sich zielstrebig auf dich zu, bereit dich anzugreifen.  Die Rede ist von Zombies, obwohl sich ihre Darstellung, je nach künstlerischer Umsetzung, stark unterscheiden kann, triffst du die Untoten immer häufiger in diversen Filmen, Serien oder Computerspielen an und du kommst nicht um die Frage herum: „Was wäre, wenn das Wirklichkeit werden würde? Wäre ich in der Lage zu überleben?“ Dass deine Vorfahren früher in der Lage waren sich gegen Angreifer zu behaupten, bescheinigt deine bloße Existenz. Doch wie haben deine Vorfahren das geschafft?

Der Survival-Processing-Effect

Ein hilfreicher Mechanismus ist der Survival-Processing-Effect. Diesem zufolge kannst du dich an Informationen, die dir im Überlebenskontext präsentiert werden, später besser erinnern. Die erste Studie, die den Effekt untersuchte, war von Nairne, Thompson und Pandeirada (2007). Die Forscher teilten die Versuchspersonen zufällig einem von zwei Szenarien zu (siehe Infokästen). Anschließend mussten die Versuchspersonen 30 Wörter nach deren Relevanz zur Bewältigung eben eines dieser zugeteilten Szenarien bewerten. Im 2 Minuten später folgendem, unangekündigten freien Recall, konnten sich die Versuchspersonen aus dem Survival-Szenario an signifikant mehr Wörter erinnern.

Der Survival-Processing-Effect stellte sich als sehr robuster Effekt heraus. Er konnte in zahlreichen Studien repliziert werden: So funktioniert er unter anderem auch mit Bildern statt Wörtern (Otgaar, Smeets, & van Bergen, 2010), bei Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt (Aslan & Bäuml, 2012; Nairne et al., 2007; Nouchi, 2012) und sowohl bei freiem Recall, als auch bei bloßem Wiedererkennen (Nairne et al., 2007). Bleibt die Frage, wieso es den Survival-Processing-Effect überhaupt gibt?

Warum gibt es den Survival-Processing-Effect?

Zur Erklärung des Survival-Processing-Effects gibt es zwei Ansätze. Ultimative Erklärungen klären die Frage, warum es einen Vorteil gibt. Nach der selektiven Tuning-Hypothese zeigt der Survival-Processing-Effect, dass das Lernen und das Gedächtnis getunt wurden, um fitnessrelevante Informationen besser verarbeiten und erinnern zu können. Proximate Erklärungen hingegen beschäftigen sich mit der Frage, wie dieser Vorteil erreicht wird. Dabei gibt es fünf unterschiedliche Wirkmechanismen, die in der Forschung diskutiert werden.

Selektive Tuning-Hypothese: Dein Gedächtnis wurde so geformt,  dass du dir überlebenswichtige Informationen besser merken kannst und dein Überleben gesichert wird!

Wie lässt sich der Survival-Processing-Effect erklären?

Bei einem möglichen Erklärungsansatz wird angenommen, dass das Gedächtnis zukunftsorientiert ist. Das Survival Processing fördere demnach zukunftsorientierte Gedanken der Planung und erleichtere damit zukünftige Entscheidungen.

Hilft uns die Planung, am Leben zu bleiben und unsere Nachkommen zu versorgen?

Nach einem Forscherteam aus den USA: JA! Sie haben herausgefunden, dass die Planung und nicht das Survival-Szenario per se der entscheidende Faktor ist, der zu einer besseren Erinnerungsleistung führt (Klein, Robertson & Delton, 2011). Allerdings bleibt in dem Experiment unklar, ob wirklich die Planung den Effekt auslöst oder ob es die Gedanken über verschiedene Nutzungsmöglichkeiten der Gegenstände sind.

Die Gedanken zu unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten würden sich in dem Erklärungskonzept der Reichhaltigkeit der Enkodierung wiederfinden. Weniger abstrakt ausgedrückt meint dies, dass der Effekt auf eine Art tiefere Informationsverarbeitung zurückzuführen ist. Demnach führt die Relevanzbewertung zu vermehrten Gedanken über verschiedene Nutzungsmöglichkeiten der Gegenstände. Dadurch folgen distinkte Gedächtnisrepräsentationen, sodass viele Erinnerungshinweise im Gedächtnis gebildet werden, wodurch uns der Abruf leichter fällt und wir mehr Wörter erinnern können. In der Literatur sprechen viele Befunde für diesen Erklärungsansatz. Beispielsweise verschwindet der Survival-Processing-Effect, wenn das Survival-Szenario auf nur ein spezifisches Überlebensproblem reduziert wird (Kroneisen & Erdfelder, 2011). Der Effekt verschwindet ebenfalls, wenn die Relevanzbewertung durch eine bildliche Vorstellungsaufgabe (Kroneisen, Erdfelder & Buchner, 2013) oder durch eine Bewertung der Bedrohlichkeit (Bell, Röer & Buchner, 2015) ersetzt wird. Alle Befunde verdeutlichen die Bedeutsamkeit der Distinktheit.

Die Stärke des Effekts wird angesehen, als die Funktion aus der Anzahl der einzigartigen relevanten Argumente, die man für jedes Item finden kann.
        – nach Röer, Bell und Buchner (2013)

Ein Verschwinden des Effekts ist auch bei einer hohen Belastung des Arbeitsgedächtnisses zu finden (Kroneisen, Rummel & Erdfelder, 2014; Nouchi, 2013), was für einen generellen reichhaltigen Verarbeitungsprozess spricht. Insgesamt scheint somit die Reichhaltigkeit der Enkodierung ein wichtiger Wirkmechanismus zu sein.

Wirst du im Survival-Szenario gefragt, wie relevant „Saft“ zum Überleben ist – wie würdest du bewerten? Relevant oder extrem relevant?
Wie würdest du „Fußball“ bewerten?

Wird eine Information in Bezug auf das Szenario als sehr passend oder relevant bewertet, entsteht eine sogenannte Kongruenz. Diese Passung führt dazu, dass die Information gut abgespeichert und zu einem späteren Zeitpunkt besser erinnert werden kann. Ist die Passung im Survival-Szenario größer, könnte dies den Vorteil in der Erinnerungsleistung erklären. Forscher sagen, dass diese Vermutung nur bedingt gestützt werden kann, da es auch widerlegende Befunde für diese Ansicht gibt (Butler et al. 2009; Nairne et al. 2008). Beispielsweise wurde zwischen Informationen und anderen vergleichbaren Szenario auch eine erhöhte Passung gefunden (Butler et al. 2009).

Ein weiterer in der Literatur diskutierter Mechanismus könnte den Effekt erklären. Hierbei wird vermutet, dass in der Verarbeitung des Survival-Szenarios verschiedene Prozesse ineinander greifen. Die Informationen werden auf der einen Seite spezifisch verarbeitet, in dem die Eigenschaften eines Begriffs aufgeschlüsselt werden und Informationen sich in der Erinnerung gut voneinander unterscheiden lassen. Gleichzeitig wird auf der anderen Seite eine Beziehung zwischen den einzelnen Informationen hergestellt. Durch diese relationale Verknüpfung werden Inhalten in einer Gedächtnisspur gut miteinander verknüpft.

 Ein Zusammenspiel spezifischer und relationaler Verarbeitung?

Im Survival-Szenario wird nun davon ausgegangen, dass diese beiden Verarbeitungsweisen zusammen spielen und dadurch die Leistung des Gedächtnisses gefördert wird. Warum funktioniert die Verarbeitung nur im Survival-Szenario  nach diesem Muster und in anderen Szenarien nicht? Diese und mehr Fragen bleiben bei diesem Ansatz offen (Nairne, Pandeirada, 2008; Burns et al. 2010).

Könnten affektive Einflüsse eine Rolle spielen?

Forscher konnten keinen signifikanten Einfluss von Emotionen oder Stress auf den Survival-Processing-Effect finden. Allerdings konnte ein Einfluss der wahrgenommenen Bedrohung gezeigt werden. Daraus resultierend nimmt die Arousalhypothese an, dass die Erregung (sogenanntes Arousal) und die negative affektive Wertigkeit (sogenannte Valenz) die entscheidenden Einflussfaktoren für den Effekt seien. Um diese Hypothese zu testen, entwickelte ein Forscherteam ein Survival-Szenario mit Zombies und eines in der Stadt (Soderstrom & McCabe, 2011). Tatsächlich führte das Zombie-Szenario zu einer besseren Erinnerungsleistung als das Stadt-Szenario, obwohl es unrealistischer und evolutionär nicht relevant ist. Doch wie kann das sein?

Die Forscher erklären diesen Befund damit, dass das Zombie-Szenario mit einem höheren Arousal und einer negativeren Valenz einhergeht. Jedoch gibt es auch an diesem Erklärungsansatz noch Zweifel, denn die gefundenen Ergebnisse konnten nicht vollständig durch die Arousalhypothese erklärt werden. Weiterführende Versuche, die Ergebnisse durch die wahrgenommene Todesbedrohung zu erklären, konnten allerdings auch keine überzeugenden Ergebnisse liefern.

Kommen wir jetzt wieder auf unsere Anfangsfrage: „Wäre ich in der Lage eine Zombieapokalypse zu überleben?“ zurück, so müsste die Antwort, wenn man Soderstrom und McCabe (2011) folgt, lauten: Der hilfreiche Mechanismus des Survival-Processing-Effects steht dir, wie auch deinen Vorfahren bei natürlichen Angreifern, auch bei Zombies zur Verfügung. Ob du schlussendlich eine Zombieapokalypse überlebst, wird allerdings höchstwahrscheinlich von anderen, hier nicht behandelten, Faktoren abhängig sein. Bis dahin stellt sich die Frage, was dir der Effekt ansonsten noch bringt?

Relevanz im Alltag

Wie sieht es denn nun mit der Alltagstauglichkeit dieses Effekts aus? Du denkst dein Alltag dreht sich wenig darum, wie du dein Überleben sichern kannst?

In Krisensituationen ist der Mensch evolutionär bedingt darauf gepolt, das eigene Überleben zu sichern.

Dies ist zum Beispiel in Krisensituationen der Fall: Stelle dir einen Ausnahmezustand nach einer Naturkatastrophe vor. In einem Chaos wie diesem, ist der Mensch darauf gepolt, zuerst die eigenen Grundbedürfnisse abzudecken: sich mit Wasser, Nahrung und Schutz vor weiteren Gefahren versorgen. Dein Gedächtnis ermöglicht dir hierbei einen sehr guten Zugang zu den Informationen, die in diesem Kontext relevant sind. Im Vergleich zu Alltagssituationen ohne Lebensbedrohung ist in einer Krise dein Erinnerungsvermögen deutlich besser. Oder solltest Du dich eines Tages ausgesetzt in der Wildnis wiederfinden, greift in solchen Fällen ebenfalls evolutionär programmierte Funktionen des Gedächtnisses.

„Der Anreiz der Wildnis ist für mich die Unvorhersagbarkeit. Man muss ein Bewusstsein entwickeln, schnell reagieren können, erfinderisch sein und einen Plan entwickeln.“
          – Bear Grylls

Extremsportler und co. suchen tagtäglich herausfordernde Situationen. Der ehemalige Soldat des Special-Air-Service Edward Michael Grylls, genannt Bear Grylls, ist dafür bekannt sich in lebensbedrohliche Situationen zu bringen. Mit 23 Jahren bestieg der Brite den Mount-Everest und filmt in zahlreichen Videos, wie man in rauen und lebensfeindlichen Lebensräume überleben kann. Wird er inmitten von Sibirien ausgesetzt, schaltet sein Körper in den Überlebensmodus. Eindrücke werden selektiert und auf die Relevanz bezüglich des Überlebens gefiltert.  Unser Körper – das ist weithin bekannt – aktiviert in solchen Situationen ungekannte Reserven, aber auch das Gedächtnis trägt einen nicht zu vernachlässigenden Teil zum Überleben bei.

 

Weiterführende Literatur

Aslan, A., & Bäuml, K.-H. T. (2012). Adaptive memory: Young children show enhanced retention of fitness-related information. Cognition, 122(1), 118-122.

Bell, R., Röer, J. P., & Buchner, A. (2013). Adaptive memory: The survival-processing memory advantage is not due to negativity or mortality salience. Memory & Cognition, 41(4), 490-502.

Bell, R., Röer, J. P., & Buchner, A. (2015). Adaptive memory: Thinking about function. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 41(4), 1038-1048.

Klein, S. B., Robertson, T. E., & Delton, A. W. (2011). The future-orientation of memory: Planning as a key component mediating the high levels of recall found with survival processing. Memory, 19(2), 121-139.

Kroneisen, M., & Erdfelder, E. (2011). On the plasticity of the survival processing effect. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 37(6), 1552-1563.

Kroneisen, M., Erdfelder, E., & Buchner, A. (2013). The proximate memory mechanism underlying the survival-processing effect: Richness of encoding or interactive imagery? Memory, 21(4),  494-502.

Kroneisen, M., Rummel, J., & Erdfelder, E. (2014). Working memory load eliminates the survival processing effect. Memory, 22(1), 92-102.

Nairne, J. S., Thompson, S. R., & Pandeirada, J. N. (2007). Adaptive memory: Survival processing enhances retention. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 33(2), 263.

Nouchi, R. (2012). The effect of aging on the memory enhancement of the survival judgment task. Japanese Psychological Research, 54(2), 210-217.

Nouchi, R. (2013). Can the memory enhancement of the survival judgment task be explained by the elaboration hypothesis?: Evidence from a memory load paradigm. Japanese Psychological Research, 55(1), 58-71.

Otgaar, H., Smeets, T., & van Bergen, S. (2010). Picturing survival memories: Enhanced memory after fitness-relevant processing occurs for verbal and visual stimuli. Memory & cognition, 38(1), 23-28.

Soderstrom, N. C., & McCabe, D. P. (2011). Are survival processing memory advantages based on ancestral priorities?. Psychonomic Bulletin & Review, 18(3), 564-569.

1 thought on “Zombie-Attacke – bist DU vorbereitet? Wie dir der Survival-Processing-Effect beim Überleben helfen kann.

  1. Ein sehr interessanter Artikel, den ich gerne gelesen habe. Besonders ein Anwendungsbeispiel zur Nutzung des Effekts zur Steigerung der Lerneffizienz würde mich weitergehend interessieren.
    Beste Grüße

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