Warum wir es doch eh schon vorher gewusst haben – der Hindsight Bias und wie er unsere Erinnerung verzerrt

von Jasmin Aron, Ilmari Thömmes-Jeltsch und Katrina Wahl

“War doch klar, dass Deutschland schon in der Vorrunde rausfliegt! Das habe ich von vorneherein gesagt! Die Mannschaft hat sich noch auf den Lorbeeren der letzten WM ausgeruht!”

Hast du solche Sätze in den letzten Wochen öfters gehört? Im Nachhinein wusste es auf einmal fast jeder schon davor. Und kommt dir das auch komisch vor? Zurecht! Natürlich wussten nicht alle, die es behaupten, schon vorher, dass Deutschland in der WM 2018 dermaßen schlecht abschneiden wird, auch wenn sie vermutlich selbst ziemlich überzeugt davon sind. Vielmehr unterliegen sie dem “Hindsight Bias”.

Dem was?

Der Hindsight Bias, zu deutsch Rückschaufehler, ist ein psychologisches Phänomen, das im Alltag häufig auftritt. Psychologen meinen damit die menschliche Neigung, die Einschätzung eines Ereignisses im Nachhinein zu verzerren. Passenderweise verändert sich unsere Einschätzung in Richtung des tatsächlichen Ergebnisses. Vorher gemachte Einschätzungen, wie “Deutschland wird mindestens das Halbfinale erreichen, die sind doch Weltmeister!” verwandeln sich in “Ich hab ja gewusst, dass die rausfliegen.”

Ich bin aber nicht so!

Das kennen wir von anderen, aber wir selbst sind doch nicht so. So etwas machen nur Dummschwätzer, die sich gerne als besonders kompetent darstellen.

Falsch gedacht! Der Hindsight Bias ist ein robustes Phänomen, also ein Phänomen, das in vielen Situationen und bei sehr vielen Menschen immer wieder auftritt. Zwar gibt es die Verbindung zwischen dem Hindsight Bias und dem Bedürfnis, sich gut zu präsentieren, aber im Großen und Ganzen sind wir alle betroffen.
Selbst Experten sind vor dem Hindsight Bias nicht geschützt: Die Ergebnisse psychologischer Studien sind unterschiedlich. Manche Studien zeigen, dass das Wissen in den betreffenden Bereichen vor der Gedächtnisverzerrung schützen würde, aber auch zeigen viele Studien, dass selbst Experten zum Hindsight Bias neigen.Wo sich Psychologen einig sind, ist das Alter: Jüngere und ältere Menschen sind besonders anfällig für Gedächtnisverzerrung. Junge Menschen sind vermutlich sehr beeinflussbar, während ältere Menschen anfälliger für Gedächtnisfehler sind. Aber auch Faktoren wie das Bedürfnis nach Kontrolle und Vorhersage eines Menschen oder das Forschungsdesign spielen eine Rolle dabei, ob man vom Hindsight Bias betroffen ist.

Was bitte? Forschungsdesign?

Psychologen können nicht einfach Menschen beobachten und sagen, dass ein psychologisches Phänomen vorliegt. Bis man davon reden kann, müssen Forscher eine Methode entwickeln, Hypothesen aufstellen, Statistiken berechnen. Und erst, wenn die Zahlen es bestätigen, dürfen Psychologen sagen “Die Ergebnisse unterstützen die Hypothese”. Das bedeutet, bevor etwas als psychologisches Phänomen anerkannt wird, müssen erstmal Studien entwickelt werden.

Und wie wird dann sowas wie der Hindsight-Bias in einer Studie untersucht?

Um den Hindsight-Bias zu untersuchen, muss man Versuchspersonen befragen, wie sie die Ergebnisse bestimmter Ereignisse einschätzen. Also fragen Forscher Dinge wie “Wird Deutschland das Halbfinale erreichen?”, “Wer wird US-amerikanischer Präsident?”, “Wann wurde Mozart geboren?”. Die Fragen sind meistens so gestellt, dass Versuchspersonen die Wahrscheinlichkeit angeben oder eine konkrete Zahl schätzen müssen. Nachdem sie das getan haben und ein wenig Zeit verstrichen ist, wird der gleiche Fragebogen mit denselben Fragen erneut gestellt. Erneut müssen die Versuchspersonen die Fragen abarbeiten. Doch diesmal wurde ihnen schon gesagt, wie die richtige Lösung oder das tatsächliche Ergebnis eines Ereignisses lautet. Nun sollen die Versuchspersonen erinnern, was sie das letzte Mal geschätzt haben.

 

Also Einschätzung abgeben, wahres Ergebnis erhalten, Einschätzung erinnern. Aber was, wenn man allgemein seine Meinung hin zum Ergebnis verändert hat, und das nun die Erinnerung beeinflusst?

Dafür gibt es sogenannte “Kontrollitems”. In der Psychologie ist eine Frage oder eine Aussage ein “Item”. Es gibt “Experimentalitems”, also Items, bei denen der Hindsight Bias hervorgerufen werden soll und es gibt “Kontrollitems”, Items, bei denen der Hindsight Bias nicht hervorgerufen werden soll.
Das bedeutet, bei manchen Fragen wird beim zweiten Fragebogen eine Auflösung gegeben, z.B. “Wann wurde Mozart geboren? – Mozart wurde 1754 geboren.” – der Hindsight-Bias soll manipuliert werden. Bei anderen Items wird dementsprechend keine Antwort gegeben, da diese als Kontrollitems gelten und den Hindsight-Bias nicht hervorrufen sollen “Wie viele Bücher schrieb Astrid Lindgren?” . Dann wird verglichen, ob die Gedächtnisverzerrung bei allen Fragen auftritt oder nur bei solchen, bei denen man den Hindsight Bias manipuliert hat.

Wird das immer so getestet?

Nein, es gibt verschiedene Möglichkeiten. Die eben beschriebene Methode ist das sogenannte “Memory Design”. Dann gibt es aber noch das “Hypothetical Design”, bei dem den Versuchspersonen erst die korrekte Lösung dargestellt wird: “Mozart wurde 1754 geboren” und dann sollen die Versuchspersonen sagen, was sie geschätzt hätten, wenn sie keine Auflösung im Voraus bekommen hätten.

Das beeinflusst einen doch total!

Exakt. Forscher haben auch beim “Hypothetical Design” gemerkt, dass hier ein größerer Hindsight Bias zu finden ist. Hier sieht man gut, wie der Bias auch von der Testmethode abhängen kann.

Okay, das ist die wissenschaftliche Seite. Aber warum machen Menschen das überhaupt? Was bringt uns das denn?

Auch diese Frage wurde untersucht. Und wie so oft in der Wissenschaft wurden aufgrund der Ergebnisse Modelle aufgestellt, die den Hindsight Bias erklären sollen. Bei den Erklärungsmodellen kann unterschieden werden zwischen Erklärungen auf Basis von Gedächtniseinflüssen und motivationalen Einflüssen. Das sind die am häufigsten genutzten Erklärungen.

Das geht mir jetzt zu schnell. Eines nach dem anderen. Gedächtniseinflüsse – darüber haben wir doch schon geredet?!

Ja – richtig. Es war die Rede von Gedächtnisfehlern. Die sogenannte “Recollection-Reconstruction-Theory” beschreibt genau diesen Prozess. Wenn wir uns nochmal an das vorhin besprochene Memory-Design erinnern – eigentlich geht es bei den Items, die den Rückschaufehler auslösen darum, dass die vorher gebildete Antwort erinnert werden soll, unabhängig von der jetzt gezeigten richtigen Antwort. Die “Recollection-Reconstruction-Theory” besagt, dass die vorherige eigene Antwort nicht richtig erinnert wird. Das ist dann der “Recollection-Bias”.

Und was passiert, wenn man seine vorherige Antwort vergessen hat?

Dann tritt der zweite Teil der “Recollection-Reconstruction-Theory” ein: Du versuchst dich nochmal in die Situation zurückzuversetzen und die erste Antwort erneut zu bilden. Dabei wirst du aber beeinflusst von der richtigen Antwort, das ist nun der “Reconstruction-Bias”.

Das ergibt Sinn, denn man kann ja die richtige Antwort nicht einfach vergessen, um  nochmal wie beim ersten mal eine eigene Antwort zu bilden. Und wovon geht der motivationale Erklärungsansatz aus?

Die motivationalen Erklärungsmodelle. Sie bauen auf dem Bedürfnis und der Motivation von uns Menschen auf, die Welt einerseits vorhersagen und kontrollieren zu wollen und andererseits unseren Selbstwert zu schützen indem wir uns selbst gut darstellen. Ein Modell, welches beide Bedürfnisse vereint heißt “Motivation-Sense-Making-Model”.

Hört sich ganz schön kompliziert an. Wenn man sich den Namen so durch den Kopf gehen lässt, heißt das doch einfach, dass man die Motivation hat, dass etwas einen Sinn ergibt – oder?

Ja, wobei es schon noch ein wenig komplizierter wird. Das “Motivation-Sense-Making-Model” greift immer dann, wenn wir versuchen, ein für uns wichtiges Ereignis vorherzusagen und dieses entgegen unserer Vorhersage negativ ausfällt.

Sowas wie das entscheidende Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft, das für viele wichtig und außerdem für viele ganz klar negativ war – entgegen der Vorhersage vieler.

Ein anderes Ereignis könnte das Spiel der eigenen Volleyballmannschaft sein. Man sagt vorher, dass man den Gegner im Heimspiel locker schlagen wird. Stattdessen bekommt man nichts auf die Reihe, man verhaut mehrmals die Angabe und verliert. Was beide Ereignisse unterscheidet, ist die Menge Kontrolle, die man über das Ergebnis hat. Beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft sind es externe Gründe, die zum schlechten Ergebnis führen. Wir sind gar nicht persönlich involviert, sondern die deutsche Mannschaft spielt einfach nicht gut genug, woran man nichts ändern kann und deshalb auch keine Kontrolle über den Ausgang des Spiels hast. Beim Volleyball Spiel sind es interne Gründe. Da man selbst involviert ist hat man Kontrolle über den Ausgang des Ereignisses.

Aber was hat das jetzt mit dem Hindsight Bias zu tun?

Interessanterweise hat die Forschung gezeigt, dass bei einem Ereignis, welches für einen selbst relevant ist und ein negatives Ergebnis hat, manchmal der Hindsight Bias auftritt und manchmal nicht. Das hängt davon ab, ob wir das Gefühl haben, Kontrolle über das Ereignis zu haben oder nicht. Bei Ereignissen wie dem Fußballspiel, bei dem wir keine Kontrolle über das Ergebnis haben, tritt der Hindsight Bias auf. Der zugrundeliegende Prozess wird “Retroactive Pessimism” genannt. Unsere falsche Einschätzung wird an das tatsächliche Ergebnis angeglichen, in dem wir uns einreden, dass wir das Ergebnis haben kommen sehen. Also im nachhinein sagen wir, wir seien pessimistisch gewesen (retroactive pessimism). So haben wir weiterhin das Gefühl, wir könnten den Ausgang von Ereignissen vorhersagen.
Bei Ereignissen hingegen, bei denen wir eine hohe Kontrolle über das Ergebnis haben, zeigt sich kein Hindsight Bias. Dies wird erklärt durch das sogenannte “Defensive Processing”: mein Selbstwert wird geschützt, indem ich mir sage, dass ich ein solches Ergebnis nie erwartet hätte.

Ist der Hindsight Bias also etwas gutes oder etwas schlechtes?

Der Hindsight Bias hat auf jeden Fall Einfluss auf unseren Alltag. Holen wir uns bei medizinischen Fragen die Meinung eines zweiten Arztes ein, ist dessen Urteil vermutlich weniger unabhängig als wir denken, wenn er die erste Meinung bereits kennt. Wenn die erste Diagnose unüberlegt ist oder schlichtweg falsch, kann das fatale Folgen haben. Andererseits kann man den Hindsight Bias als Nebenprodukt eines Lernvorgangs betrachten. Wir nehmen konstant neue Eindrücke und Informationen auf und vergessen dabei eben manchmal eine alte Information. Verglichen damit, was wir in kürzester Zeit alles lernen können, scheint der Hindsight Bias wie eine Schwäche unseres Gehirns, die wir aber gut in Kauf nehmen können.

Weiterführende Literatur

Guilbault, R. L., Bryant, F. B., Brockway, J. H., & Posavac, E. J. (2004). A meta-analysis of research on hindsight bias. Basic and Applied Social Psychology, 26(2-3), 103-117.

Hawkins, S. A., & Hastie, R. (1990). Hindsight: Biased judgments of past events after the outcomes are known. Psychological Bulletin, 107(3), 311.

Pezzo, M. V. (2011). Hindsight bias: A primer for motivational researchers. Social and Personality Psychology Compass, 5(9), 665-678.

Pohl, R. F. (2017). Cognitive illusions: Intriguing phenomena in thinking, judgment, and memory. London & New York: Routledge, 2, 424-445.

Roese, N. J., & Vohs, K. D. (2012). Hindsight bias. Perspectives on Psychological Science, 7(5), 411-426.

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