Habe ich mein Glück selbst in der Hand? – Eine Frage von Kontrolle und Illusion

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von Paulina Kath, Timo Neugart und Helena Wernet

Im Alltag begegnen wir immer wieder Situationen in denen wir denken, wir hätten die Kontrolle über den Ausgang bestimmter Ereignisse. Aber ist dies wirklich so und warum denken wir das?

Freitagabend. Ich sitze mit ein paar Freunden in einer Bar. Das erste Bier schmeckt heute, nach einer ansträngenden Woche, besonders gut. Je später es wird, desto ausgelassener wird die Stimmung. Ich bringe den Vorschlag ein, „Chicago“ zu spielen, ein Würfelspiel bei dem es darum geht mit drei Würfeln, auf drei Würfe, die höchstmögliche Punktzahl zu erzielen. Derjenige in der Runde mit der niedrigsten Punktzahl bekommt einen Bierdeckel zugeschoben. Wenn alle Bierdeckel verteilt sind, wird darum gewürfelt, wer seine Bierdeckel wieder weglegen darf, nämlich derjenige mit der höchsten Punktzahl. Wer am Ende noch Bierdeckel hat, zahlt die Runde.

Ein willkommenes Spiel denke ich mir, habe ich doch sowieso immer ein gutes Geschick bei solchen Spielen (Außerdem ist es Ende des Monats). Eine Zusatzregel gibt es noch. Wenn man innerhalb seiner drei Würfe drei Einsen würfelt, hat man ein sogenanntes „Chicago“ geworfen, darf seine Bierdeckel sofort ablegen und scheidet aus der Runde aus. Wer das schafft muss also sicher nicht die Runde zahlen.

Es geht los. Und wider meiner Erwartungen läuft es gar nicht mal so gut für mich. Vor mir stapeln sich die ersten Bierdeckel, während meine Freunde hämisch grinsend anfangen mir Spitzen zuzuwerfen. „Na, läuft bei dir ja richtig heute“, sagt der eine. Ich sage nichts.

Eine Weile später habe ich wieder den Würfelbecher in der Hand. Beim ersten Wurf ist eine Eins dabei. Ich lege sie raus und würfle mit den verbleibenden zwei Würfeln weiter. Wieder ist eine Eins dabei. Wieder lege ich den entsprechenden Würfel zur Seite. Ich merke wie sich plötzlich eine leichte Spannung aufbaut und meine Freunde nervöser werden. Ich stelle den Würfelbecher mit der Öffnung nach unten auf den Bartisch, lege den noch verbleibenden Würfel oben auf den Becher. Meine Hand umschließt den Becher und mit einer ruckartigen Bewegung schleudere ich den Würfel in die Luft, drehe den Becher wieder nach oben um, fange den Würfel damit in der Luft auf und schmettere den Becher auf den Tisch. „Sachte“, sagt der Barkeeper. Ich lasse mich davon nicht weiter stören und schnippe den Becher um während ich meinen Freunden ins Gesicht schaue. Ihre Gesichtszüge entgleisen.  Eine Eins kommt zum Vorschein. Chicago. „Neeeeeiiinn“, raunt es. „Läuft bei mir ja richtig heute“, sage ich. „Man, wie machst du das?“, kommt es zurück. „Können“, antworte ich grinsend.

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Das Ganze war natürlich nur großes Glück, da man objektiv betrachtet selbstverständlich keinen Einfluss auf Glückspiele, wie zum Beispiel Roulette oder Würfelspiele, nehmen kann. Doch wieso denke ich, ich hätte tatsächlich durch mein Prozedere Einfluss auf das Ergebnis nehmen können? Jeder kennt die Situation beim „Mensch ärgere dich nicht“, wenn man eine Sechs zum Rauskommen benötigt und der festen Überzeugung ist, gerade diese mit seinem nächsten Wurf zu bekommen. Übrigens geben Ampeln uns als Fußgänger dieses Gefühl der Kontrolle auch, indem sie uns „Signal kommt“ anzeigen nachdem wir auf den Knopf gedrückt haben. Tatsächlich hat das Drücken zur Hauptverkehrszeiten gar keinen Einfluss darauf, wie schnell die Fußgängerampel grün wird. Die Intervalle der Ampelphasen bleiben exakt gleich.

Dieses Phänomen wird in der Fachsprache Kontrollillusion genannt. So wird per Definition die menschliche Tendenz zu glauben, gewisse Vorgänge kontrollieren zu können, die nachweislich aber nicht beeinflussbar sind, bezeichnet (Stangl, 2018).

Nun stellt sich die Frage, wie so eine Kontrollillusion zustande kommt bzw. unter welchen Bedingungen sie auftritt. Laut Thompson et al. (1998) gibt es verschiedene Bedingungen, die dazu führen, dass man den Eindruck hat, eine Zufallssituation beeinflussen zu können.

Jeder kennt das Gefühl, wenn man ein Los zieht, dass genau dieses Los der Hauptgewinn sein muss und dass man aus der Vielzahl der Möglichkeiten genau die richtige Wahl getroffen hat. Doch der Schein trügt, denn nur weil man selber eine der Optionen auswählt, werden die Gewinnwahrscheinlichkeiten hierfür natürlich trotzdem nicht höher! Ähnlich verhält es sich, wenn man beispielsweise beim Karten ziehen gegen einen Mitspieler den Eindruck bekommt, es würde sich um eine Wettbewerbssituation handeln. Insbesondere, wenn der Gegner auch noch unsicher und zweifelnd wirkt, entsteht leicht die Illusion, man wäre bei einem simplen Zufallsspiel kompetenter und überlegen.

Ist eine Kontrollillusion also ausschließlich an den irrtümlichen Einfluss der eigenen Fähigkeiten auf eine Zufallssituation gebunden? Nein, denn schon lediglich das starke Bedürfnis nach einem erfolgreichen Ergebnis kann eine illusionäre Wirkung haben. So wurde der Hälfte der Probanden in einer Studie von Biner et al. (1995) die Nahrungsaufnahme am Vormittag verwehrt, um sie anschließend mit der anderen, nicht so hungrigen Hälfte der Probanden an einem Glücksspiel teilnehmen zu lassen. Der Hauptgewinn: Ein schmackhaft angepriesener Burger. Tatsächlich waren die hungrigen Probanden, also die mit einem stärkeren Bedürfnis nach Erfolg, zuversichtlicher diesen Hauptgewinn zu ergattern und berichteten ein stärkeres Gefühl, persönlichen Einfluss auf das Ergebnis haben zu können.

Nun soll es aber nicht so erscheinen, als würden alle möglichen Umstände dazu führen, dass wir uns ständig im unausweichlichen Bann der Kontrollillusionen befinden. Denn genauso gibt es auch Faktoren, die ihr Auftreten reduzieren oder sogar ganz eliminieren können. Dazu gehört insbesondere die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die rationale Bewertung einer Situation. Dies mag zunächst sehr offensichtlich erscheinen, ist jedoch nicht zu unterschätzen hinsichtlich der Tatsache, dass wir Menschen oft dazu neigen, Informationen spontan wenig zu hinterfragen und uns den einfachsten, intuitivsten Verarbeitungsweg raussuchen. Alleine das hypothetische Abspielen einer Situation kann allerdings dazu führen, dass man durch eine Art passive Involvierung mehr Abstand zum Geschehen gewinnt und sich den Zufallsaspekt ins Bewusstsein ruft. Als sinnvolle Alltagsstrategie lässt sich außerdem raten, ganz bewusst die objektiven Wahrscheinlichkeiten zu betrachten, bevor man einen Wetteinsatz tätigt, die Würfel rollt oder den Lottoschein ausfüllt. Getreu dem Motto „Vorsicht ist besser als Nachsicht“ kann das Hinterfragen des ersten Eindrucks und eine objektive Sichtweise dazu führen, dass wir schädliches risikoreiches Verhalten vermeiden. Aber warum denken wir trotzdem manchmal, dass wir den Zufall kontrollieren können?

Die erste, die sich darüber intensiv Gedanken gemacht hat, ist Ellen Langer (1975). Laut ihr entsteht eine solche Illusion der Kontrolle durch die Verwechslung von Zufall und Fähigkeit. Eine Wahl zu haben, kann in Situationen, in denen Fähigkeiten gefragt sind, extrem nützlich sein. Ebenso das Gefühl, dem Gegner überlegen zu sein. In einer reinen Zufallssituation spielt es natürlich keine Rolle, ob ich auswählen kann oder mich kompetenter einschätze als mein Gegenüber. Anscheinend fällt es uns schwer, das zu trennen und daher kommt es durch Verwechslung solcher Situationen zu einer Illusion der Kontrolle.

Wenn wir uns an den Burger zurückerinnern, erklärt uns dieser Ansatz allerdings nicht, warum die hungrigen Versuchspersonen ihre Chancen auf den Burger höher einschätzten. Es gibt also noch weitere Faktoren, die offensichtlich unser Gefühl der Kontrolle über eine Situation beeinflussen.

Für den Menschen als soziales Wesen sind die Auswirkungen seines Verhaltens sehr wichtig. Wieviel Kontrolle man über ein bestimmtes Ereignis hat, kann man aber nicht direkt beobachten. Aber woher wissen wir, wieviel Kontrolle wir über ein Ereignis haben, wenn wir es nicht beobachten können?

Ein anderer Ansatz (Thompson et al. 1998) versucht das mit Hilfe einer Kontrollheuristik zu erklären. Eine Heuristik ist eine Denkabkürzung oder einfache Regel, die genutzt werden kann, um ein Urteil zu fällen. Wenn wir die Absicht haben ein bestimmtes Ereignis zu erzielen und einen Zusammenhang zwischen unserer Handlung und dem Ereignis erkennen, dann schließen wir daraus, ein Ereignis kontrollieren zu können. Das kann selbst dann passieren, wenn es ein Ereignis ist, über das wir in Wahrheit absolut keinen Einfluss haben. Wir könnten uns natürlich auch Gedanken darüber machen, was passiert, wenn man handelt und was passiert, wenn man nicht handelt um dann diese beiden Möglichkeiten zu vergleichen. Das ist aber sehr schwer und benötigt viel Kopfzerbrechen. Es ist wahrscheinlicher, dass wir uns auf ein einfacheres Urteil verlassen, um unsere Kontrolle abzuschätzen, nämlich den wahrgenommenen Zusammenhang – das Gefühl, dass das Ergebnis mit der Handlung verbunden sei. Die Kontrollheuristik ist eine einfache Regel, die in den meisten Fällen zu einem korrekten Urteil führt, weil die oben beschriebenen Elemente „Absicht“ und „wahrgenommener Zusammenhang“ oft in Situationen auftauchen, über die man Kontrolle hat. Nichts desto trotz ist es eine Heuristik, die zwangsläufig zu Verzerrungen führt.

Wenn man berücksichtigt, dass das Gefühl der Kontrolle durchaus erwünschte Konsequenzen mit sich führt, selbst wenn es sich nur um wahrgenommene Kontrolle handelt, scheint es logisch, dass wir unsere Kontrolle überschätzen. Die Illusion der Kontrolle resultiert in einem höheren Selbstwertgefühl und einer höheren Motivation sich selbst an schwierige Aufgaben ran zu trauen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit für Erfolg erhöht. Allerdings hat sie auch Schattenseiten. Im ungünstigsten Fall kann Kontrollillusion dazu verleiten, sich zu sicher zu fühlen und zu Unaufmerksamkeit führen. Vor allem im Bereich Kinderbetreuung, Fahrverhalten, Gesundheitsschutzverhalten, Geldanlagen und Spielsucht hat sie negative Auswirkungen. Ist die Kontrollillusion also nun eine Bereicherung oder wären wir ohne sie besser dran? Das kann man wohl pauschal nicht beantworten und hängt ganz von der Situation ab.

 

Weiterführende Literatur:

Langer, E. J. (1975). The illusion of control. Journal of Personality and Social Psychology, 63, 923-931.

Stangl, W. (2018). Stichwort: ‘Kontrollillusion’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: http://lexikon.stangl.eu/2221/kontrollillusion/ (2018-05-10)

Thompson, S. C. (2017). Illusions of control. In R. F. Pohl (ed.). Cognitive illusions: Intriguing Phenomena in Judgement, Thinking and Memory (2nd ed.). (pp. 134-149). London & New York: Routledge.

Thompson, S. C. (1998). Illusions of control, underestimations, and accuracy: A control heuristic explanation. Psychological Bulletin, 123(2), 143-161.

Welt der Wunder (2017): Bringt es was, an der Fußgängerampel zu drücken?
WWW: http://www.weltderwunder.de/artikel/bringt-es-was-an-der-fussgaengerampel-zu-druecken (2018-05-10)

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