Hintergrundwissen vs. Logik: Ein (un)überwindbarer Konflikt? Der Belief Bias und seine Implikationen

von Andreas Beisel, Anna Feineisen und Helen Fischer

Ein kleines Rätsel zum Einstieg. Ihr logisches Denken ist gefragt! Doch bevor Sie jetzt direkt weiter zum nächsten Kapitel blättern, probieren Sie es aus ….
Sie erhalten zwei Aussagen (sogenannte Prämissen), welche Sie als wahr annehmen sollen. Dann werden Sie gefragt, ob aus diesen beiden Aussagen notwendigerweise eine dritte (die Schlussfolgerung) folgt. Probieren Sie es, fordern Sie sich selbst heraus.

Und? Haben Sie ihre Antworten? Welches der beiden Rätsel ist Ihnen schwerer gefallen? Nummer 2 vielleicht? Wenn ja, dann geht es Ihnen wie den meisten. Doch was fällt uns hier schwerer? Übrigens … beide Aussagen sind richtig. Logisch gesehen zumindest. Doch einen Unterschied gibt es: die Glaubwürdigkeit. Beide Schlussfolgerungen sind logisch richtig, jedoch nur die erste ergibt für uns inhaltlich einen Sinn. Dass einige Astronauten keine gesunden Personen sind lässt sich nicht wirklich mit unserem Wissen über die schwierigen Vorbereitungen und Tests, die Astronauten bestehen müssen, vereinbaren. Deshalb ist es hier deutlich verwirrender und damit schwieriger zu sagen, dass diese Aussage (logisch) richtig ist, da sie gegen unsere Überzeugung steht. Und damit haben wir ihn – den sogenannten Belief Bias.
Lassen wir das mal so stehen und holen etwas aus, bevor wir wieder zurück zum Belief Bias kommen, um ihn dann (hoffentlich) nachvollziehen zu können.

Wenn Aristoteles mal wieder die Finger im Spiel hat

Logik – griech. „denkende Kunst“, „Vorgehensweise“: Denkweise, bei der einzelne Schritte richtig aufeinander folgen

Logik, die Wissenschaft von Gesetzen und Prinzipien. Sie werden am Anfang bestimmt einen kleinen Schreck bekommen haben, als Sie Ihr logisches Denkvermögen testen sollten. Nicht so Aristoteles. Wie so vieles gehen auch die Grundprinzipien der Logik zurück auf den griechischen Gelehrten. Er war es auch, der sogenannte Syllogismen, die Art der logischen Schlüsse, die Sie vorhin in den Beispielen bearbeitet haben, untersuchte.

Syllogismus: logischer Schluss; Argumentationsform der tradt. Logik

Logische Schlüsse wurden und werden noch in zwei Varianten verwendet: Induktion und Deduktion. In Grafik 1 sind diese Varianten dargestellt.

Induktion ist eine Variante der Logik, bei welcher durch spezielle Beobachtungsaussagen, allgemeingültige Gesetze und Theorien erschlossen werden sollen. Ein klassisches Beispiel dafür:

Dieser Schwan ist weiß.
Jener Schwan ist weiß.

Alle Schwäne sind weiß.

Die Deduktion dagegen leitet aus bestehenden allgemeinen Theorien, spezifische Erklärungen oder Vorhersagen ab:

Alle Schwäne sind weiß.
Dieses Tier ist ein Schwan.

Dieses Tier ist weiß.

Logik vs. Wissen – ein ungleiches Duell?

Kommen wir zurück zu den Beispielen vom Anfang. Wir haben bereits festgestellt, dass uns unser Wissen und unsere Überzeugungen ein Schnippchen schlagen, wenn es für uns gilt, logisch richtige Schlüsse zu ziehen. Und genau darin besteht das berühmt berüchtigte Phänomen – der „Belief Bias“. Zum einen beschreibt er die Tendenz des Menschen, Argumente vor allem dann zu befürworten, wenn man sie für glaubwürdig hält. Das klingt erstmal völlig plausibel und logisch – aber was soll daran überhaupt so besonders sein, dass sich so viele Wissenschaftler für dieses Phänomen interessieren? Der Grund ist, dass wir diese Tendenz auch zeigen, wenn die Argumente in ihrer Logik nicht gültig sind. Wir irren uns bei überzeugenden, aber eigentlich falschen Argumenten und treffen somit inakkurate Entscheidungen. Interessant ist, dass dies aber auch die gegenteilige Wirkung erzeugen kann: so werden unsere irrtümliche Entscheidungen  bei ungültigen und unglaubhaften Argumenten unterdrückt – aber nicht, weil wir so „clever“ sind und dem Irrtum auf die Schliche kommen, sondern weil es einfach nicht mit unseren Überzeugungen zusammenpasst.

Soweit, so gut. Aber warum passiert uns das vor allem bei sogenannten „Syllogismen“? Betrachten Sie hierfür folgende Beispiele.

Die Struktur beider Syllogismen Beispiele ist exakt gleich. Und doch empfinden wir Beispiel A als logisch, während Beispiel B uns unglaubwürdig erscheint. Allerdings sind beide Beispiele in ihrer Logik falsch. Ein exemplarisches Beispiel dafür, wie viel Macht das Hinzufügen eines einzigen Wortes – hier „fleischfressend“ – haben kann, auch wenn die Logik genau gleich bleibt.

Es bestehen zahlreiche Ansätze, die versuchen, dieses Rätsel zu lösen. Warum spielt uns bei Problemen wie in Beispiel A unser Verstand einen Streich? Ein möglicher Erklärungsansatz besteht darin, dass wir glaubwürdige Schlussfolgerungen sofort „unkritisch“ hinnehmen und nur unglaubwürdige Schlussfolgerungen kritisch hinterfragen.  Dieser Ansatz stellt bei der Entstehung des Belief Bias die Suche nach Gegenbeispielen in den Mittelpunkt. Glückt uns diese Suche und wir finden ein Beispiel, welches das Argument widerlegt, lehnen wir es ab. Der Fehler liegt hier daran, dass wir scheinbar nur dann nach Gegenbeispielen suchen wollen, wenn die Schlussfolgerung unglaubwürdig ist. Warum sollten wir auch  anzweifeln, dass manche Haustiere keine Raubtiere sind? Ist es nicht kompletter Unsinn, es in Erwägung zu ziehen, dass auch alle Hasen, Hamster, Mäuse und Fische zu den Raubtieren gehören könnten? Der Irrtum wird deutlich, wenn sie folgende Abbildung betrachten.

So ist es komplett willkürlich, ob wir Haustiere oder auch fleischfressende Haustiere in dem gesamten Spektrum der Raubtiere definieren oder nicht. Inhaltlich mag es richtig sein, dass ein Teil der Haustiere sicherlich keine Raubtiere sind und fleischfressende Haustiere Raubtiere sein müssen. Es ist auch durchaus möglich, dass diese Argumente durch die zwei gegebenen Prämissen bestehen könnten. Aber es sind nun mal nur „mögliche“ – und keine „zwingenden“ Schlussfolgerungen, die aus den Prämissen folgen. Es gibt somit bei solchen ungültigen Problemen immer eine weitere Möglichkeit, die nicht ausgeschlossen werden kann. Das ist uns aber meist nicht bewusst.

Natürlich bestehen zahlreiche weitere Theorien, die versuchen, das Rätsel um den Belief Bias zu erklären. Um Sie nicht weiter zu langweilen, wollen wir nur noch einen letzten Ansatz aus der Kognitionspsychologie vorstellen: die „Dual Process Theory“.  Hier kann man sich unseren Verstand wie eine gespaltene Person vorstellen: Einerseits gibt es da diesen faulen „Schweinehund“, der einfach seinen Impulsen, Trieben und Gewohnheiten nachgeben möchte. Anderseits gibt es da auch eine Seite, die tatsächlich motiviert ist, durch logisches, sachliches Reflektieren auf die Lösung des Problems zu kommen. Ersteres steht für System 1 und ist verantwortlich für die einfache Form des Belief Bias – und zwar automatisch glaubhafte Schlussfolgerungen akzeptieren zu wollen, unabhängig davon, ob die Logik richtig oder falsch ist. Zweites steht für System 2 und verursacht eine etwas komplexere Form des Belief Bias: die Belief-Logic-Interaktion. Zwar ist hier unsere Motivation, deduktiv zu schlussfolgern, vorhanden. Aber trotzdem gelingt es uns – zumindest meistens – nicht, dem Irrtum auf die Schliche zu kommen. Die Folge davon ist: wir zeigen einen noch „stärkeren“ Belief Bias bei ungültigen Syllogismen als bei gültigen Syllogismen, wenn die Schlussfolgerung glaubhaft ist. Denn wir haben hier zwei mögliche Wege, die wir gehen können: Entscheiden wir uns für die Logik oder die Glaubwürdigkeit? Dieser Widerspruch zwischen Logik und Glaubwürdigkeit löst einen Konflikt in uns aus, welcher die Tendenz verstärkt, intuitiv unseren eigenen Überzeugungen nachzugehen, was „richtig“ und „falsch“ ist. Somit gewinnt leider in der Regel nicht unser messerscharfer Verstand – wie wir es uns wünschen würden – das Duell zwischen Logik und Wissen.

Belief „Bias“?

Das Problem bei dem klassischen „syllogistischen“ Paradigma: Forscher nahmen bisher an, dass zur Lösung dieser Paradigmen die Probanden auch tatsächlich deduktive Logik anwendeten – und interpretierten die hohe Fehlerrate bei den zugehörigen Experimenten als systematischen „Bias“, also als eine kognitive Verzerrung. Doch welche Relevanz hat dieser „Bias“ überhaupt, wenn er nur in dieser spezifischen Testsituation auftritt? Darf sich so etwas überhaupt einen „Bias“ schimpfen? Ein Großteil der Menschen lebt tagtäglich mit dieser fehlerhaften Neigung – und kommt super durch den Alltag, ohne überhaupt auch nur an irgendeiner negativen Konsequenz zu leiden. Tatsächlich ist diese deduktive Logik des klassischen Testparadigmas für den Normalbürger sehr schwierig und ungewohnt und erfordert einiges an Übung; meist sind nur Menschen mit einem überdurchschnittlich hohen IQ ungeübt gut darin. Das liegt auch daran, dass diese Art des logischen Schlussfolgerns im Alltag kaum benötigt wird und lediglich von Experten wie Mathematikern, Informationstechnikern oder Forschern unterschiedlicher Couleur oft benötigt wird. So birgt dieser systematische Fehler in der Praxis kaum Implikationen und der Begriff „Bias“ darf somit berechtigterweise in Frage gestellt werden. Hier spiegelt sich auch allgemein die Tendenz in der (populärwissenschaftlichen) Psychologie wider, aus allen möglichen Phänomenen einen „Bias“ zu machen oder diese zu kognitiven „Illusionen“ zu dramatisieren – eine offensichtlich auf Generierung von medialer Aufmerksamkeit gerichtete Strategie.

Einen etwas anderen Blick  wirft die Sozialpsychologie auf den Belief Bias. Hier werden Vorurteile in den Mittelpunkt gestellt, welche durch das Festhalten an eigenen Überzeugungen entstehen. Die Frage, inwiefern uns verbreitete Vorurteile zu einem „Schubladendenken“ verleiten,  ist ein praktisch relevanter Ansatzpunkt. Aber ist das wirklich der gleiche „Belief Bias“, wie wir ihn hier haben? Spielen hier nicht vielmehr Gruppenprozesse eine Rolle als die bloße Tendenz, eigene Überzeugungen nicht verwerfen zu wollen? Fragen über Fragen…

Dennoch scheint der Belief Bias eine wichtige Bedeutung erlangt zu haben – ob Sie das nun für gerechtfertigt halten oder nicht, bleibt ganz Ihnen überlassen.

 

Weiterführende Literatur:

Evans, J. (2017). Belief Bias in deductive reasoning. In R. Pohl, Cognitive Illusions (S. 165-181). New York: Psychology Press.

Evans, J. (2007). Hypothetical Thinking. Hove, US: Psychology Press.

Müller, Sandra: Philosophie der Logik: Klar, ist ja logisch! Aber warum eigentlich? (2016) https://www.focus.de/wissen/mensch/philosophie/klar-ist-ja-logisch-aber-warum-eigentlich_id_6345773.html [abgerufen am 05.05.2018]

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